Vor einiger Zeit erzählte mir ein Arbeitskollege stolz, dass er sich bei einem Züchter für einen Welpen hat vormerken lassen. Prompt kam natürlich von mir die typische Frage: "Was soll es denn sein? Ein Rüde oder eine Hündin? Erstaunt schaute mich mein Kollege an und antwortete: "Woher soll ich das denn jetzt schon wissen, der Wurf ist doch noch nicht da. Ich habe die Welpen ja auch noch nicht gesehen und weiß überhaupt nicht welcher zu uns passen würde?" "Ja, aber man hat doch so seine Vorlieben", antworte ich. "Ich zum Beispiel bin ein Rüdenmensch..." Mein Kollege schaute mich erstaunt an und fragte: "Warum? Gibt es überhaupt große Unterschiede?"
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| Rüde (links) oder Mädel (rechts)? Oder doch lieber nach dem Charakter auswählen? |
Warum bin ich ein "Rüdenmensch"?
Ich kam ins
straucheln. Ich selber hatte immer nur Rüden ok, aber was war der Grund
dafür?! In meinen ersten Hund verliebte ich mich ohne sein Geschlecht zu
kennen. Wir hätten Rocky so oder so genommen - egal ob Rüde oder
Mädel. Benji, unser zweiter Hund zog kurz Zeit danach bei uns ein. Es
wurde wieder ein Rüde, weil wir uns keine Sorgen um ungewollten
Nachwuchs machen wollten. Nach Rocky´s Tod kam Nicky zu uns. Er war ein
Tierheimhund, den ich einfach "retten" musste - egal welches Geschlecht
er hatte. Ja und bei Chiru war ich dann schon überzeugt - ich bin ein
"Rüdenmensch".
Welche Unterschiede zwischen Rüden und Hündinnen werden häufig genannt?
- Rüden haben gegenüber Hündinnen den Vorteil, dass sie nicht läufig werden.
- Hündinnen sind schmusiger und anhänglicher
- Rüden sind schwerer zu erziehen. Sie sind dominanter und streben ständig nach der Führung
- Hündinnen lösen sich nur ein bis zweimal während eines Spazierganges und die Gassirunden sind dementsprechend kürzer.
- Rüden sind größer und kräftiger vom Körperbau
Aber stimmen diese Argumente tatsächlich? Klar biologisch gesehen gibt es einen Unterschied. Hündinnen werden regelmäßig läufig, das bleibt einem mit einem Rüden erspart. Wenn ich aber daran denke wie nervig ein liebestoller Chiru ist, weil zum x-mal im Jahr eine Hündin im Viertel in der Hitze ist, weiß ich nicht, ob das wirklich ein Vorteil ist.
Sind Hündinnen sind bei Welpenkäufern beliebter?
Ich war sehr erstaunt, als ich von einer Züchterin auf meine Nachfrage hörte, dass ein weiblicher Welpe rund 200 Euro teurer ist als ein Rüde. "Hündinnen sind anhänglicher und verschmuster als Rüden. Das macht sie
bei vielen Welpeninteressenten beliebter und sie sind daher teuer", war ihre Begründung dazu.
Lotta ist deutlich schmusiger als Chiru. Aber liegt es daran, dass sie eine Hündin ist? Meine vorigen Hunde waren alle verschmuster als Chiru
und waren ja alles Rüden... Lotta ähnelt in ihrem Verhalten sehr meinen ersten beiden Hunden, die beides Yorkshire Terrier waren. Für mich sind viele Eigenschaften einfach auch von der Rasse abhängig und nicht vom Geschlecht.
Von vielen Züchtern habe ich gesagt bekommen, dass Rüden schwerer zu erziehen sind. Sie sind in ihrem Verhalten dominanter und man muss ihnen stärker ihre Grenzen aufzeigen. Aber ist das tatsächlich so? Chiru´s Wurf bestand aus sieben Rüden und einem Mädel - Dakini. Dakini ist alles andere als eine sanfte und ruhige Hündin die leicht zu erziehen ist. Nur ein Zufall?
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| Chiru mit seinen Geschwistern - das einzigste Mädel war die dominanteste |
Ein weiteres häufig genanntes Argument für eine Hündin ist, dass man mit einer Hündin nicht so lange Spazierengehen muss, weil sie sich ja nur ein bis zweimal lösen und nicht so ausgiebig markieren wie ein Rüde. Das trifft vielleicht auf viele Hündin zu - Lottchen jedoch markiert mittlerweile gerne mit Chiru um die Wette. Außerdem sollten regelmäßige und längere Spaziergänge doch für jeden Hund selbstverständlich sein und gehören zu einer artgerechten Haltung dazu, oder?!
Oft gibt es optische Unterschiede zwischen Hündinnen und Rüde
Bei sehr vielen Hunderassen sind die Rüden deutlich größer und kräftiger vom Körperbau. Sie wirken insgesamt imposanter. Bei Chiru trifft das zu wie man auf den Foto unten sehen kann. Die drei Hündinnen sind deutlich kleiner und zierlicher. Bei kleineren Rassen ist der Unterschied jedoch häufig nicht sehr ausgeprägt. Lotta ist zum Beispiel deutlich größer als viele Rüden ihrer Rasse, dem Biewer Yorkshire Terrier.
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| "Hahn im Korb" Chiru mit seiner Familie |
Sind die Unterschiede nicht mehr eine Sache des Charakters?
Bei vielen Hundehaltern wie z.B. bei Andrea spielt das Geschlecht des eigenen Hundes kaum eine Rolle und ist kein Auswahlkriterium. Vor Linda hatte sie den Rüden Kim und konnte keine Unterschiede aufgrund des Geschlechtes zwischen den beiden feststellen. Für Andrea sind die Unterschiede zwischen Kim und Linda eher eine Sache des Charakters als ein Geschlechtsmerkmal:
DEN charakterlich typischen Unterschied zwischen Rüden und Hündinnen, den gibt es für mich nicht. Jeder Hund bringt einfach sein eigenes Wesen mit und innerhalb dieser Bandbreite von Charakteren findet man sowohl alles bei Rüden wie auch bei Hündinnen. Hinzu kommen für mich rassespezifische Eigenschaften, aber auch hier gilt, alles kann, nichts muss. Selbst auf den Unterschied zwischen Rüde und Hündin bei Größe und Statur innerhalb einer Rasse ist nicht unbedingt Verlass. Zudem werden heute die meisten Hunde früh kastriert, so dass auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede und ihre Folgen, man kann fast sagen, ausgehebelt sind.
Kim mit Linda zu vergleichen, ist demnach müßig und führt zu nichts. Vorrangig auf charakterliche Eigenschaften fokussiert, die zu mir und meinem Leben passen, spielt das Geschlecht eines Hundes für mich keine Rolle…
Alles nur ein Sache der Hormone?
Isabella, mit Rüde Damon und Hündin Laika, sieht den größten Unterschied eigentlich nur im Verhalten in der Läufigkeit:
"Der größte Unterschied für mich ist ... eigentlich nur das Verhalten in der Läufigkeit! Wir haben jetzt den zweiten Rüden und die zweite Hündin - und wenn ich alle vier Hunde vergleiche, dann gibt es sonst eigentlich nichts, was typisch Hündin oder typisch Rüde wäre ... außer dem Verhalten während der oben genannten Zeit. Selbst die Tatsache das Rüden markieren ist nicht nur auf Rüden beschränkt ... unsere Lady hat gerne mal ihr Beinchen gehoben. Sie hat auch schon mal Rüden bestiegen - so rein zu Demonstrationszwecken ;).
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Dingo war manchmal schwer zu händeln - Lady war einfacher zu erziehen. Damon ist ein sehr lern- und folgewilliger Hund - für Laika ist Erziehung ein echtes Fremdwort :)
Nur in der Läufigkeit, da erkenne ich klare Gemeinsamkeiten zwischen Lady und Laika: jeder Hund ist ein potentieller Partner und stehenbleiben lohnt sich immer!
Auch bei Dingo und Damon ist das Verhalten hier identisch: alles was läufig ist, will auch bestiegen werden - und wenn sich einer meiner läufigen Partnerin nähert, dann wird er direkt an Ort und Stelle kastriert ;)" (Isabella Staudt-Millmann)
Isabella´s Bericht zeigt wie verschieden alle vier Hunde in ihren Verhaltensweisen sind - ganz unabhängig von ihren Geschlecht. Das macht für mich wieder deutlich, dass die Unterschiede mehr im Charakter zu suchen sind.
"Typisch Mädel" - "typisch Rüde" im direkten Vergleich?
Christina bat ich ganz gezielt bei ihren beiden Hunden, Anne eine Schäferhündin und Casper ein Cavalier King Charles Spaniel, nach typischen geschlechtspezifischen Eigenschaften zu suchen:
Typisch Anne (Mädel): sanftmütig, nachgiebig, vorsichtig, harmonisch, aufmerksam, friedlich, ausgeglichen, beschützend
Typisch Casper (Rüde): verschmust, einnehmend, wehleidig, verspielt, selbstbewusst, furchtlos, fröhlich, oft hoffnungslos verliebt
Typisch Casper (Rüde): verschmust, einnehmend, wehleidig, verspielt, selbstbewusst, furchtlos, fröhlich, oft hoffnungslos verliebt
Charakteristisch für unsere Anne in Bezug auf typisch Mädel ist vor allem ihr ausgeprägter Beschützerinstinkt, der Casper und uns betrifft. Über unseren kleinen Macho Casper können wir sagen, dass er wohl ein typischer Rüde in Bezug auf Mädels ist... beim Anblick einer Dame ist er sofort hoffnungslos verliebt. Es kommt dann schon vor, dass er ein bis zwei Tage "krank vor Liebe" ist. Zusammen sind die beiden seit fünf Jahren ein eingespieltes Team, trotz oder wegen ihrer verschiedenen Geschlechter.
Bei Anne findet man typische Eigenschaften, die man den Hündinnen nachsagt. Ihr ausgeprägter Beschützerinstinkt ist jedoch auch typisch für die Rasse Schäferhund. Sanftmütig, harmonisch, ausgeglichen... typisch Hündin oder einfach ein Zeichen, dass Anne sich in ihrem Rudel wohl fühlt?!
Die Beschreibung von Casper zeigt auch hier wieder, dass Rüden sehr wohl verschmust und anhänglich sind.
Wie groß sind die Unterschiede im Verhalten innerhalb eines größeren Hunderudels?
Ramona leitet einen Hundehort, der Tages-und Ferienhunde artgerecht betreut. Sie ist täglich mit größeren Hundegruppen unterwegs und kennt die Verhaltensstrukturen innerhalb eines Rudels sehr gut. Für sie gibt es Unterschiede zwischen Hündinnen und Rüden ist aber auch der Meinung, dass man Verhaltensweisen nicht generalisieren kann:
"Grundsätzlich finde ich nicht, dass man Verhaltensweisen generalisieren kann und doch fallen mir im Rudel einige Unterschiede zwischen Hündinnen und Rüden auf. Insgesamt merke ich bei Rüden, dass sie schneller ablenkbar sind. Da ein Duft, dort ein potentieller Eindringling, etc. Die Hündinnen sind für mich da insgesamt etwas aufmerksamer, aber je nach Zyklusphase dafür etwas launisch. Dafür ertragen Rüden mehr, sie kommen mit Druck oder Stresssituationen besser klar.
Einer der Hauptunterschiede für mich ist, dass Rüden eher angeberisch sind, er kommt schneller zu Streit, aber es ist dann auch schnell wieder gut, es wird mehr kontrolliert und inspiziert. Die Hündinnen sind dafür eher hinterhältig. Sie tun ihren Unmut nicht offen kund, sondern wehren sich dann plötzlich, dann aber heftig. So würde ich sagen, dass es sicher Unterschiede gibt, aber keinesfalls ein Geschlecht einfacher zu erziehen ist, eben einfach anders." (Ramona Zanini)
Bleib ich dabei - bin ich ein "Rüdenmensch"?
Vielleicht bin ich tatsächlich ein "Rüdenmensch"... Aber wenn überhaupt, dann hat das das optische Gründe, weil ich kräftige und große Hunde sehr mag. Der Alltag mit Lotta und Chiru und die Erfahrungsberichte von Andrea, Isabella, Christina und Ramona haben mir gezeigt, dass der Unterschied zwischen Rüde und Hündin nur sehr gering ist. Wenn überhaupt kann man ihm am Besten im Verhalten innerhalb eines größeren Hunderudels bemerken und wer hat das schon bei sich Zuhause?
Mein Kollege hat sich dann bei seinen ersten Welpenbesuch für eine Hündin entschieden. Der Grund hierfür war ganz einfach, es war Liebe auf den ersten Blick. Er und seine Frau hatten sofort das Gefühl, das ist der richtige Hund. Und das Happy End der Geschichte - es war auch die richtige Entscheidung - Lilly passte perfekt zu den beiden und die beiden zu Lilly!
Liebe Grüße
eure
Sali
Ein riesen Dankeschön an Andrea, Isabella, Christina und Ramona für ihre Unterstützung bei dem Artikel!
Das Autorenteam:
Andrea (http://newspinscher.blogspot.de/)
Christina (http://casperswelt.blogspot.de/)
Isabella (http://ueberraschungspaket-hund.blogspot.de/p/uberraschungspakete-die-hunde.html)
Ramona (http://doggyhz.blogspot.de/)
und
Sali















































